Altersgerechtes Wohnen

Andreas Liedtke, Mitglied im Verein Papageiensiedlung und der BVV, ruft zur Förderung altersübergreifender Einrichtungen im Bezirk auf

Von Andreas Liedtke
Im Bereich der Papageiensiedlung, aber sicher auch darüber hinaus, beschäftigen sich ältere Menschen mit dem Thema des altersgerechten Wohnen – sei es in einer altersübergreifenden Einrichtung oder in einem anderen organisatorischen Zusammenhang. Ich beziehe mich auf den Einzugsbereich Steglitz-Zehlendorf, da ich mich ausgehend von meiner politischen Arbeit in der BVV-Fraktion um das Thema des altersgerechten Wohnens, des gemeinsamen Wohnens im Alter und den Organisationsformen des generationsübergreifenden Wohnens gekümmert habe.

Wir haben als SPD-Fraktion mehrfach in der BVV Anträge gestellt – zur Schaffung von geeignetem und gemeinschaftlich genutztem Wohnraum für ältere Menschen, zur Renovierung vorhandener Einrichtungen oder zur Verfügungstellung von geeigneten Grundstücken für die Gründung von Genossenschaften. Diese Initiativen bzw. Anträge sind bisher vom Sozialausschuss und vom Bezirksamt abgelehnt worden.

Begründung: Es gebe genügend Einrichtungen im Bezirk, die sich an den Personenkreis der älteren Mitbürger wenden. Es fehle an relevanten Bau-Gruppen, kapitalkräftigen Personen oder konkreten Initiativen, die sich dieses Themas im Bezirk annähmen. Mit anderen Worten, so die Position des Bezirksamts: Das regelt alles der Markt. Es gibt aber – so die objektive Feststellung – einen deutlichen Zuzug nach Steglitz-Zehlendorf und im Vergleich zu anderen Bezirken eine überproportionale Nachfrage nach altersgerechtem Wohnen.

Mir fallen viele Argumente ein – sozialpsychologischer, ökonomischer, historischer oder einfach nur menschlicher Art -, die dieser abwartenden Position entgegen zu halten sind und die ich jetzt nicht ausführen möchte. Nur zwei wichtige Argumente in verkürzter Form: Die überwiegende Zahl der Einrichtungen wie Residenzen ooder ähnliches sind zu teuer. Das Konzept eines gemeinschaftlichen Wohnens wird in den meisten Einrichtungen, die es hier oder landesweit gibt, nicht angeboten. Für viele ältere Menschen, die plötzlich alleine leben, hat das Einzelwohnen aber eine beängstigende Bedeutung, und eine Wohngemeinschaft kommt nicht mehr infrage.

Seit dem Mai 2011 hat sich eine Initiative und Arbeitsgruppe gebildet, die sich regelmäßig zweimal im Monat im Mittelhof trifft, um eine gemeinsame Wohnform zu gründen und zu entwickeln. Beide Richtungen werden verfolgt:
 -  entweder gemeinschaftliches, aufeinander bezogenes Wohnen im räumlichen Verbund, aber jeder einzelne in einer eigene Wohnung 
 -  und/oder generationsübergreifendes Wohnen in einem Haus oder in enger räumlicher Verbindung.
Alle Neu-InteressentInnen sind herzlich eingeladen, zu unseren Treffen zu kommen oder mit uns Kontakt aufzunehmen.
Wir treffen uns an jedem ersten und dritten Montag des Monats im Zehlendorfer Nachbarschaftsheim „Mittelhof“, Königstraße 42/43, Tel. 030 – 80 19 75, www.mittelhof.org um 19.30 Uhr.

Der Mittelhof unterstützt derartige Initiativen oder Selbsthilfegruppen und stellt ihnen einen Raum zur Verfügung.
Unsere Aktivitäten werden von der Netzwerkagentur von „ Stattbau“ aktiv unterstützt. Die Netzwerkagentur ist eine Gründung des Senates, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, zur Hilfe und Unterstützung von landesweiten aber auch lokalen  Initiativen im Bereich des gemeinschaftlichen Wohnens: Netzwerkagentur GenerationenWohnen.
Wir haben Kontakt zu Wohnungsbaugesellschaften aufgenommen und knüpfen derzeit Kontakte zu Wohnungsbaugenossenschaften, um für unsere Idee des gemeinsamen Wohnens auf Mietbasis zu werben und deren Realisierungsmöglichkeiten auszuloten. 
Wir besuchen Veranstaltungen zu alternativen Wohnmodellen und tragen Informationen zu verschiedenen wohnungspolitischen Entwicklungen zusammen, die den Bereich des gemeinschaftlichen Wohnens betreffen. 
Und wir sind dabei, uns bestehende gemeinschaftliche Miet-Wohnmodelle anzusehen,  mit den Akteuren vor Ort zu sprechen und uns von ihrem Know-how inspirieren zu lassen.

Diese Arbeitsgruppe oder Initiative hat noch keinen Namen, aber Vorstellungen, wie gemeinschaftliches Wohnen aussehen kann. Erste konzeptionelle Überlegungen bestehen, die sich an den Berliner  Realitäten orientieren. Es hat sich ein fester Kern von ca. 10-15 Personen herausgebildet, fast ausschließlich Frauen.

Neben den oben genannten Aktivitäten und Arbeiten wird zur Zeit ein Flyer entwickelt, der sowohl Interessierte ansprechen als auch Wohnungsbaugenossenschaften informieren soll. Es gibt in  unserer Gruppe die Vereinbarung, –  vorläufig – offen zu sein für viele Wohnmodelle, aber auch für alle interessierten und suchenden Menschen. Unseren Überlegungen gehen mehrheitlich in Richtung eines generationenübergreifenden Wohnens, insofern möchten wir auch jüngere Mitmenschen in unserem Bezirk, Alleinerziehende oder Familien mit jüngeren/älteren Kindern ansprechen.

Selbsthilfekontaktstelle Steglitz-Zehlendorf, Treffpunkt 50 plus,
 c/o Mittelhof  e.V.
, Königstr. 42-43, 14163 Berlin
. Ansprechpartner sind Brunhilde Geißler (Tel. 805 2443) und Andreas Liedtke, sowie vom Mittelhof Bettina Zey (Tel. 801 975 14).

WAS TAUSCHRINGE UND SENIORENGENOSSENSCHAFTEN MITEINANDER ZU TUN HABEN

In den letzten Jahren wurden in Berlin und dem Bundesgebiet zahlreiche Tauschringe und Seniorengenossenschaften gegründet, einige haben sich zu sehr erfolgreichen Projekten entwickelt. Darunter die 1991 gegründete “Senioren-genossenschaft Riedlingen e.V.”, die mit einem Zukunftspreis ausgezeichnet wurde, und weitere gut funktionierende Genossenschaften in Dietzenbach, Steinen, Stuttgart-Esslingen usw. Im österreichischen Vorarlberg geht der Umsatz des Tauschring- und Regiogeldes Talente bereits in die Millionen. Wer im Internet unter den Stichworten „Tauschring“, “Zeitbank” und „Seniorengenossenschaft“ googelt, findet jede Menge Initiativen. In unserem Bezirk gibt es den „Tauschring Zehlendorf“ und die Seniorengenossenschaft Lange Löffel

In Tauschringen werden Dienstleistungen und Waren getauscht, ohne dass Geld fließt. Gerechnet wird in einer virtuellen Währung. Beispiel: Der Tauschring Zehlendorf mit seinen gut 100 Mitgliedern trifft sich einmal im Monat im Nachbarschaftszentrum Mittelhof. Die Anwesenden stellen sich gegenseitig vor und berichten, was sie an Dienstleistungen (in Ausnahmefällen auch Waren) zu bieten haben oder was sie suchen. Eine halbe Stunde Arbeitszeit wird mit einem „Zehler“ berechnet.

Frau Schmidt bietet dort beispielsweise an, Gartenarbeit zu machen, und Herr Meier kann gut Fahrräder reparieren. Wenn Frau Schmidt zwei Stunden Unkraut im Garten von Frau Müller-Lüdenscheid gerupft hat, kann sie sich das beim Tauschring-Verwalter auf ihrem Zeitarbeit-Konto gutschreiben lassen. Die meisten Tauschringe haben sich dafür eine fiktive Währung ausgedacht, beim Tauschring Zehlendorf zählt man nach Zehlern, beim Tauschring Kreuzberg nach Kreuzern, in Vorarlberg nach Talenten.

Dennoch wird es natürlich gegenseitige Gratis-Hilfe weiter geben. Wenn zwei Nachbarn jeweils den Garten des anderen gießen, wenn dieser im Urlaub ist, dann ist es auch gar nicht sinnvoll, das über den Tauschring abzuwickeln. Aber mit gegenseitiger Nachbarschaftshilfe kann man keine ganze Siedlung organisieren, wo sich nicht mehr alle kennen.

Die Seniorengenossenschaften, von denen es inzwischen weltweit auch immer mehr gibt, sind im Grunde nur eine Erweiterung des Tauschring-Prinzip. Der Unterschied zu einem einfachen Tauschring besteht darin, dass ihre Mitglieder die geleistete Arbeitszeit ansparen können. Damit können sie im Alter nachbarschaftliche Versorgungsdienste bezahlen. Sie können sich dann von jüngeren Mitgliedern den Einkauf oder Haushaltsarbeiten erledigen lassen. In Vorarlberg funktioniert das bereits wunderbar.

Fachleute in der Altenpflege weisen immer wieder auf die psychologische Hemmschwelle für ältere Leute hin: Ihnen fällt es schwer, ihre Nachbarn um etwas zu bitten, wenn sie Gefühl haben, nichts zurückgeben zu können. Wenn das alles aber auf gegenseitigem Geben und Nehmen basiert, fällt diese Hemmung weg.

Die Seniorengenossenschaft schwäbischen Riedlingen hat als eine der ersten Genossenschaften dieser Art bewiesen, dass dieses Prinzip wunderbar funktioniert. Sie hat dort unter anderem einen fahrbaren Mittagstisch für Senioren und viele andere Aktivitäten aufgebaut. Älteren Personen, die von der Nachbarschaft verpflegt werden, kann auf diese Weise ein teures Pflegeheim erspart werden. Einschränkend muss allerdings hinzugefügt werden, dass Nachbarn in schweren Pflegefllen keine professionelle Pflegekraft ersetzen können und auch nicht sollten.

Angesichts der demografischen Entwicklung steht den Seniorengenossenschaften vor allem in den westlichen Ländern wahrscheinlich eine große Zukunft bevor. In Japan beispielsweise sind Pflegedienste dieser Art schon heute sehr ausgedehnt. Im Prinzip ist eine Fern-Betreuung über die ganze Welt möglich: Ich kümmere mich um deine Oma in Zehlendorf, wenn du meinen Onkel in Tokio oder Washington pflegst.

Wer austritt oder wegzieht, kann sich seine Stundenkonten auszahlen lassen. Stundenkonten können auch familienintern auf andere Mitglieder übertragen werden.

Unser „Gründungskreis“ war sich indes einig, dass eine solche “Zeitbank” in unserer Siedlung ein breiteres Aufgabenfeld übernehmen sollte als „nur“ die Versorgung von Älteren. Es geht uns darum, die nachbarschaftlichen Kontakte zu intensivieren, das soziale Netz unter uns zu stärken sowie die vielen Fähigkeiten und das hohe kreative Potenzial der BewohnerInnen unserer Siedlung auszuschöpfen. Uns schwebt Folgendes vor:

  • Nachbarschaftlichkeit und gegenseitige Hilfe auf einer rechtlich verbindlichen Basis
  • Tauschringe ohne Geld und/oder nach dem Stunden­konto-Prinzip, zum Beispiel Gartenarbeit gegen Musik­unterricht, Yogastunden gegen Website-Erstellung…
  • Einkaufs-, Fahr-, Haushalts-, Koch- und andere Hilfs­dienste für Ältere
  • Soziale und kulture Angebote, zum Beispiel Musikabende, Literaturzirkel, Vorträge über spezielle Wissensgebiete, sportliche Aktivitäten, alles nach Lust und Laune
  • Gemeinsames Schwarzes Brett über alle Angebote und Aktivitäten im Internet und/oder auf Infotafeln im Kiez
  • Informationsaustausch über denkmalgerechtes Renovieren sowie kinder- und altengerechtes Wohnen
  • Informationsaustausch und evtl. gemeinsame Nutzung von Solaranlagen und Alternativenergien
  • Rent-a-Oma (or Opa) für Familien mit kleinen Kindern
  • evtl. gemeinsamer Mittagstisch für die Schulkinder berufstätiger Eltern
  • evtl.Gemeinschaftsräume und Gemeinschaftsküche
  • evtl. gemeinschaftlich bezahlte Pflegekräfte für Pflegebedürftige